Mone sitzt nervös an einem der Zweiertische in der Limobar und dreht den Strohhalm zwischen ihren Händen hin und her und wieder zurück. Hubert beobachtet sie aus sicherer Entfernung und bereitet auf Verdacht schon einmal Suzas Getränk zu. Diese kommt just durch die Tür und lässt sich erschöpft auf den Stuhl gegenüber von Mone sinken. Sie hat dunkle Augenringe, wirkt gealtert, gerädert, etwas verwirrt. Hubert stellt ihr schnell ihr Getränk hin, das sie in einem Schluck hinunterkippt. Mone spart sich überflüssige Begrüßungsfloskeln und fragt frei heraus:
„Und?“
Sie kriegt die Antwort umgehend: „Sie ist weg!“
Mone nickt zufrieden. Dann kommt ihre Verunsicherung klarer zum Vorschein, weil es Suza nicht zu freuen scheint: „Und … das ist doch gut?! Möchte ich euer Verhältnis doch als hochgradig toxisch bezeichnen.“
„Och …“, sagt Suza und gibt Hubert ein Zeichen, dass sie sehr durstig ist.
„Komm schon, Suza: Du warst überhaupt nicht mehr du selbst. Es gibt überhaupt keinen Grund, jetzt so auszusehen, als hätte dir der Teufel durchs offene Visier ins Gesicht geschlagen, dir die Seele zerwürgt und dich auch noch in Klamotten gesteckt, die aussehen, als hättest du sie auf dem Weg hierher den Bedürftigen vom Leib gezogen.“
Suza schaut müde an sich herunter und knöpft sich halbherzig ihre Bluse so um, dass Knopf und Knopfloch zueinanderpassen.
„Ja, aber sie liegt jetzt mit so ’ner anderen armen Sau im Bett und vermisst mich vermutlich noch nicht einmal den Hauch einer Sekunde. … Und ich muss irgendwie zusehen, dass ich aus diesem abrundtiefen, schwarzen Loch wieder rauskrieche. Und mehr als das – dann auch wieder aufstehe, mich aufrichte und in die Zukunft gucke, die mich erschlagen will, weil es lange kein Morgen mehr geben musste, dem ich mich alleine hätte stellen müssen …“
„Papperlapapp“, erwidert Mone und ist versucht, ihre Stimme zu erheben. Lässt es dann aber, weil ihre Wortwahl dazu nicht passt.
„Wer sagt denn das noch? Papperlapapp …? Nicht angemessen.“ Suza blitzt Mone unter ihren schweren Lidern an.
Beide schweigen.
Nach einer Weile, während sich Hubert lieber in den hinteren Bereich der Bar verzieht, weil er eine Explosion zwischen den beiden befürchtet – er kennt sie harmonischer -, seufzt Suza so schwer, dass sich beim Ausatmen die Oberfläche ihres Getränks kräuselt. Sie spricht leise:
„Ich weiß, es ist absurd. aber wir waren uns wirklich nah. Sie hat mich fest in ihren Armen gehalten, sie hat mich zur Ruhe kommen lassen. Ich konnte und viel mehr … musste … an nichts mehr denken. Sie war einfach da und als ich sie angenommen hatte, sie genommen habe, wie sie ist, hat sie etwas in mir verändert, das ich nicht so einfach abschütteln kann.“
„Was denn?“, erwidert Mone. „Dass du halbtot bist? Suza, ehrlich, das ist doch hehrer Mumpitz!“
„Herrjeh, Mone! Wir sind nicht mehr in den 90ern. Lass diese Wörter!“ Suza erhebt, so gut sie kann, ihre Stimme und Mone tut es ihr gleich:
„Nein! Sind wir nicht! Und du lebst trotzdem immer noch! Lass los! Das kann doch nicht wahr sein?! Du kannst das doch nicht ernsthaft vermissen?! Sie hat dich für ihre Zwecke benutzt, dich runtergezogen, zu einem Schatten deiner selbst gemacht, dir den Verstand geraubt und dann, als sie es wollte, dich letztendlich fallengelassen … was das größte Glück an der Geschichte ist. Stell dir vor, sie wäre geblieben. Was wäre denn das bitte auf unbestimmt bis zum Fürimmer geworden? Was wäre denn dann aus dir geworden?!“
Suza sieht Mone jetzt unverstanden und wie ein verprügelter Hund an. Doch Mone lässt sich nicht erweichen. Sie legt nach:
„Sie hat dein Hirn zermatscht und dein Herz angegriffen!“
„Es ist ok“, flüstert Suza. „Es ist nicht gebrochen, sagt der Kardiologe.“
Beide schweigen wieder. Mone schüttelt etwas verzweifelt den Kopf.
Suzas Gedanken scheinen abzuschweifen. Sie schaut verträumt in die Luft und säuselt:
„Es war auch sehr schön mit ihr. Im Bett. Miteinander zu schlafen. Schlaf … viel davon. Und die Träume … die Träume waren … so real … so voller Frieden und Hoffnung… Ich wüsste schon gerne, wie es ihr geht. Ohne mich.“
Mone reicht es. Sie erhebt sich, beugt sich über den Tisch und schallert Suza eine, so dass die anderen Gäste erschreckt zu den beiden hinübersehen und überlegen, ob sie umgehend die Limobar verlassen sollen. Hubert eilt schnell hinter die Theke und füllt Gläser.
Suza sieht Mone erschüttert an und schüttelt sich. Mone nimmt wieder Platz.
Suza sagt: „Du verstehst also nicht, dass ich mir wünschte, dass sie sich meldet und wir wieder eine Chance auf ein Leben zusammen haben?“
Mone verdreht die Augen: „Doch. Ich verstehe, was du meinst. Aber dein verquer loyales, großes Herz hat einen – gelinde gesprochen – kleinen Dachschaden …!“ Sie macht eine kurze Pause. „Gut, betrachte es als Trennung. Du bist nicht die Erste, die sie verlassen hat. Und denk‘ einmal an all die, die sie nicht mehr loswerden. Weißt du eigentlich, wie sehr sie leiden?! Und keine Hilfe bekommen! Vielleicht musst du aber, wenn du über ‚bis zum Ende aller Tage‘ sprichst, mal von ihr Abstand nehmen und auf eine andere hoffen. Vielleicht auf ihre befickte kleine Schwester, mit der du ein paar Tage im Bett liegen kannst, um dann aber wieder nicht nur sie, sondern auch du bis in die Ewigkeit sein kannst. Geh raus, schmettere neue Liebeslieder und fang dir ’ne Grippe ein. Ist Karneval!“
Suza verzieht ihre Mundwinkel zu einem ganz leichten Lächeln:
„Ist ‚befickt‘ noch en vogue?“
Bevor Mone sich erneut erheben kann, eilt Hubert herbei, stellt den Frauen einen Kurzen vor die Nase, drückt Mone wieder in den Stuhl und fragt Suza:
„Und ist die lange Corona endlich weg?“
Suza nickt: „Ja, kein Long Covid mehr.“
„Und?“, fügt Hubert hinzu: „Bist du froh?“
„Geht so …“, sagt Suza und dann kippen alle drei schnell ihren Kurzen.
„Unverbesserlich“, murmelt Mone, als sie ihr Glas auf den Tisch knallt.